Tier-Geschichten

der Schafbock Kasimir
und ein Metzger mit Tränen in den Augen

vom Gnadenhof "Heimat für Tiere


Der Schafbock Kasimir
Schliemann Heinrich - von Seite:  www.usu.eduvom Gnadenhof
"Heimat für Tiere"
in 97834 Birkenfeld
www.heimat-fuer-tiere.de

Das ist die Geschichte vom Schafbock Kasimir und dem Metzgermeister, Herrn Bock.

Es ist eine wahre Geschichte, die sich genauso zugetragen hat in einem kleinen Dorf auf dem Lande. Nicht einmal die Namen sind erfunden; alles hat sich genau so ereignet.

Ich lebte einmal auf dem Land in einem kleinen Häuschen mitten in einem großen Obstgarten, zusammen mit vielen Tieren - Schafe, Hunde, Katzen und viele zahme Vögel. Alle Tiere waren befreundet und achteten einander.

Der Schäfer und sein angriffslustiger Schafbock

Ein Schäfer, der oft an dem Obstgarten mit seiner Schafherde vorbeizog, hatte einen, wie er meinte, bösen und angriffslustigen Schafbock, der ständig auf ihn losging. Da dem Schäfer das Zusammenleben der Tiere in dem Garten gefiel, läutete er eines Tages an der Tür und fragte, ob er für eine Zeit seinen bösen Schafbock in den Garten bringen könne, weil er ihn in der Herde nicht mehr halten könne. Ich war einverstanden.

Als der Schäfer den Schafbock brachte, schlug er ihn. Er sagte zu mir, dass ich ab jetzt immer eine spitze Heugabel dabeihaben sollte, um die Angriffe des bösen Tieres abzuwehren.

Kasimir wird glücklich


so lebte Kasimir glücklich
mit allen zusammen

Am ersten Tag, den der Schafbock in dem Garten mit den vielen Tieren verbrachte, fing er gleich an, auf alle loszugehen. Er war ziemlich groß, größer als die Schäferhunde, die auch im Garten wohnten. Er versuchte jeden - Mensch oder Tier - anzugreifen, senkte seinen Kopf und zeigte allen - obwohl er eine hörnerlose Rasse war - seine dicke Stirn.

Doch als ihn niemand deswegen anschrie oder schlug und die Tiere ihn einfach nur ganz gespannt beobachteten, ließ er seine Angriffe bereits am ersten Tag allmählich bleiben und fing an, neugierig Mensch und Tier zu beschnuppern. Und schon bald schloss er Freundschaft.

Nach einer Woche begannen die Kinder, die die Tiere regelmäßig besuchten und mit ihnen spielten, dem Schafbock kleine Kunststücke beizubringen, z. B. einen Apfel zu pflücken und herzubringen. Und sie gaben ihm den Namen Kasimir.

So war er schon bald ein Mitglied in der Tierfamilie, und auch der Mensch wurde ihm zum Freund. Kasimir ließ es sich nicht nehmen, gemeinsam mit den drei großen Schäferhunden den Garten, die Tiere und auch mich zu bewachen. Wenn jemand an der Gartentüre war, rannte Kasimir, immer einen Kopf größer als die Schäferhunde, zum Gartentor, und wenn er mit dem Besuch einverstanden war, ging er zur Seite. War er es nicht, dann stellte er sich in den Weg und stampfte mit dem Fuß auf. Doch das passierte selten.

So lebte Kasimir glücklich mit allen zusammen. Der Schäfer, der ab und zu vorbeikam, war überwältigt, dass sich das böse Tier, das jetzt Kasimir hieß, so verändert hatte und sogar Kunststücke machen konnte, Äpfel pflücken und bringen, auf den Hinterbeinen laufen und auf den Zuruf "Pass auf" mit den Hunden den Garten bewachte.

Kasimir beim Metzger

Leider hatte Kasimir nur einen Sommer lang eine so schöne Zeit. Denn als er groß genug war, verkaufte der Schäfer Kasimir an den pensionierten Metzgermeister, Herrn Bock. Der Metzgermeister hatte schon lange einen Blick auf den prachtvollen Schafbock geworfen und in Gedanken schon seine Keulen abgewogen. Deswegen schlugen auch alle Versuche, Kasimir freizukaufen, fehl. Dem Metzgermeister ging es dabei weniger ums Geld als um das Erlebnis, als Pensionär noch einmal seine Arbeit zu verrichten, so wie er es in seinem Beruf oft getan hatte. Es war also nichts zu machen.

An dem Tag, als Metzgermeister Bock den Schafbock Kasimir zum Schlachten abholen wollte, kam er in den Garten mit dicken Stricken, um Kasimir zu fesseln. Und es war seit langem das erste Mal, dass Kasimir mit den Füßen stampfte, seinen Kopf senkte und mit den Augen funkelte. Ich hatte vorher mit ihm gesprochen, so schwer es mir auch fiel und so sehr ich meine Tränen unterdrücken musste: "Kasimir, es tut mir so leid, aber ich konnte es nicht verhindern, dass du von hier weggeholt wirst, aber ich werde mit dir gehen und dich begleiten, dass du keine Angst haben musst."


Schafbock Kasimir wird gefüttert

Die Kinder gaben ihm den Namen Kasimir.

Der Metzger wollte ihn einfangen und mit den Stricken fesseln. Da sah ich Herrn Bock in die Augen und sagte: "Legen Sie die Stricke zur Seite. Wenn ich Kasimir rufe, wird er mit mir gehen." So war es dann auch. Da wir schon oft gemeinsam in meinem Kastenwagen Heu holen gefahren waren, stieg er freiwillig ins Auto, obwohl er spürte, dass dies eine andere Fahrt war, denn er roch den Metzger. Als dieser dann auf der Fahrt anfing, über Kasimirs dicke Keulen zu sprechen und sich auf die eigenen Schenkel zu klatschen, bat ich ihn: "Kasimir ist mir sehr ans Herz gewachsen. Er ist mein Freund, bitte würden Sie Respekt haben und vor meinem Freund nicht über derartige Dinge sprechen."

Als wir dann an dem grausamen Ziel angekommen waren, mussten wir noch über eine kleine Dorfwiese bis zum Schlachtplatz. Der Metzger wollte Kasimir wieder mit seinen dicken Stricken fesseln, doch ich hielt ihn zurück: "Kasimir wird mit mir gehen, und er wird ohne Fesseln gehen!" In den Augen von Kasimir war Angst, und ich umarmte ihn und drückte ihn ganz fest und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Nach dem kleinen Gespräch mit Kasimir stieg er gemeinsam mit mir aus dem Auto.

Kasimir's Ende

Er roch jetzt das Blut vom Schlachtplatz, und das große und prachtvolle Tier drückte sich eng an mich. Ich musste mich furchtbar zusammenreißen, dass ich nicht einfach losheulte oder brüllte. So gingen wir Seite an Seite, und der Metzger staunte völlig, als er sah, wie wir beide miteinander sprachen und gingen. Als wir dann in dem kleinen Schlachthaus standen, war der Metzgermeister, Herr Bock, ganz aufgeregt. Er musste Kasimir jetzt umlegen auf den Boden, dass er ihn schlachten konnte und wollte ihm jetzt endlich die Füße fesseln.

Und wieder sagte ich zu ihm: "Kasimir wird nicht gefesselt, er wird sich selbst hinlegen". Der Augenkontakt zu Kasimir ist nicht mehr abgebrochen, und mit Tränen in den Augen bat ich das wunderschöne Tier, dass es sich hinlegen möge. Und Kasimir legte sich vor dem Metzger, der sein Messer in der Hand hielt, auf den Boden. Ich kniete mich zu ihm und hielt ihn ganz fest in meinen Armen. Ich holte ein paar rote Lieblingsäpfel von Kasimir aus der Tasche und gab sie ihm zum Abschied, obwohl der Metzger schimpfte, dass er die Äpfel eh gleich wieder "rausräumen muss".

Die Demut dieses Tieres hat mich völlig überwältigt. Es schloss in meinen Armen vor dem umherfuchtelnden Metzger seine Augen, und ich hielt Kasimir fest, bis die grausame Prozedur vorbei war. Jetzt konnte ich mich nicht mehr halten und heulte los, den toten Kasimir in den Armen.

Doch genau in dem Moment, als ich so traurig und verzweifelt war und der blutverschmierte Körper des prachtvollen Tieres regungslos am Boden lag und der Metzger seine Messer wetzte, da hatte ich in mir das Gefühl, als stupste mich jemand mit seiner Schnauze und sagt: "Komm, sei nicht traurig, wir gehen hier jetzt gemeinsam wieder raus." Ich stand auf, weg von diesem grausamen Platz. Und als ich über die kleine Wiese ging, hatte ich das Gefühl, dass Kasimir unsichtbar, aber spürbar ein Stück neben mir lief.

Tiere haben eine Seele

Und genau in diesem Moment sah ich im Talgrund gegenüber den Wiesen an einem kleinen Bach einen wunderschönen Schafbock mitten im hohen Gras stehen. Weit und breit war weder ein Schäfer noch eine Herde zu sehen. Er wandte mir den Kopf zu und meckerte ganz laut, so als ob Kasimir mir durch seinen sichtbaren Freund ein Zeichen geben wollte.

Ein paar Tage später war der Metzger bei mir und sagte, dass er so etwas noch nie erlebt habe. Und er hatte vor Rührung Tränen in den Augen und fragte mich - was ihn vorher noch nie interessiert habe - ob ich glaube, dass Tiere eine Seele haben und ob es wohl ein Leben nach dem Tod gebe und noch vieles andere. Damals wusste ich noch nichts vom Inneren Weg, und ich bin sehr dankbar, dass man dort vieles erfährt über das Verhalten von Mensch und Tier, wie man lernen kann, das Tier als seinen Freund zu achten.

Auch heute begegne ich immer wieder dem Leid der Tiere. So höre ich in mir noch das verzweifelte Blöken von kleinen Lämmern in einem Tiertransport aus einem europäischen Land, hungrig und durstig, abgestellt auf einem Parkplatz, weil der Fahrer Brotzeit machte, aß und trank.

Es war ein riesiger LKW mit Hänger. In drei Stockwerken auf engstem Raum zusammengepfercht standen hunderte von gleich großen weißen kleinen Lämmern - ohne Wasser, ohne Weide. Ich stand so verzweifelt an diesem LKW und versuchte, die Tiere zu beruhigen. Sie fingen an zu schnuppern und neugierig zu gucken. Ob sie jemals wieder eine Weide mit Gras und frischen Blumen schnuppern können, Vogelgezwitscher hören oder das beruhigende Meckern der Mutter - oder ob sie mit geschundenen kleinen Körpern über die gekachelten Schlachtrampen getrieben werden, den dumpfen Blutgeruch wittern, die panischen Angstschreie ihrer Artgenossen hören - das entscheiden wir; das liegt letztlich an jedem von uns.

Ich habe schon viele mutterlose oder kranke Lämmer aus der Herde des Schäfers mit der Flasche aufgezogen und gesund gepflegt, und ich habe die Freude der Tiere erlebt, wie sie auf der Weide herumtollten. Deshalb habe ich davon Abstand genommen, auch nur einem Tier zuzumuten, all das durchzumachen, um dann bei mir als Braten mit Thymian, Rosmarin und Knoblauch gespickt und gewürzt auf dem Teller zu landen. Wer schon einmal zugeschaut hat, wie ein neugieriges Lämmlein an einem wohlriechenden Zweig herumknabbert, der versteht vielleicht, warum ich es nicht mit einem wohlriechenden Zweig gewürzt im Teller wieder finden möchte.

Ich verurteile ganz sicher niemanden und rümpfe auch nicht meine Nase, wenn sich jemand für eine würzige Fleischspeise entscheidet, denn ich habe sie auch gerne mal gegessen. Ich wollte nur einmal aus meiner Erfahrung erzählen, warum ich lieber das Lämmlein oder den Schafbock Kasimir auf der Wiese herumtollen sehe. Sie sind meine Freunde geworden, und Freunde verspeist man nicht - oder?

Vom Gnadenhof: "Heimat für Tiere" Link: www.heimat-fuer-tiere.de


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